Rote Felswände, die sich zum Himmel emporheben. Ein fruchtbares Tal, gesäumt von Palmen und Häusern aus Lehm. Weite, trockene Ebenen, die am Horizont goldene Erhebungen erahnen lassen: echte Wanderdünen, von Wüstensand und Wind geformt.
Die Bilder, mit denen wir auf unsere Fahrt vorbereitet wurden, sind eindrucksvoll, fast schon spektakulär. Noch ist es schwer vorstellbar, dass wir in den nächsten zwei Wochen all diese Eindrücke in Wirklichkeit erleben dürfen. Aber als wir uns am Samstagmorgen zu unsäglich früher Zeit am Leipziger Hauptbahnhof treffen, kann man die Vorfreude in den Blicken und Begrüßungen bereits spüren.
Noch vor der Abfahrt gehen wir ein letztes Mal die Packlisten durch, wiegen die Rucksäcke und prüfen die Dokumente. Nicht umsonst haben wir vor fast einem Jahr angefangen, diese Großfahrt nach Marokko zu planen und alles Nötige zu organisieren. Das nordafrikanische Land mit seiner fremden Kultur und seinem ungewohnten Klima ist ein Fahrtenziel, das ebenso viel Herausforderung wie Faszination verspricht, und eine gute Vorbereitung ist unerlässlich.
Die Anreise für unsere achtzehnköpfige Gruppe ist lang – und vergeht doch relativ schnell. Zwischen der Zugfahrt, dem Flug, der Ankunft in Marokko und der Taxifahrt in die Königsstadt Marrakesch versickern die Stunden, bis wir plötzlich inmitten der Menschenmenge auf dem Jemaa el-Fnaa stehen, dem zentralen Marktplatz der Stadt. Überall gibt es etwas zu sehen, unzählige Geräusche und Gerüche prasseln gleichzeitig auf uns ein. Marokkaner verkaufen Essbares und Andenken, während Touristen die verwinkelte Architektur bestaunen und Fotos machen. Wir haben leider noch keine Zeit, in die Gassen abzutauchen und uns dem Zauber der Stadt hinzugeben. Unsere Verpflegung für die nächsten Tage besorgt sich nicht von selbst, ebenso wenig wie funktionale SIM-Karten für die Notfallhandys, Benzin für die Kocher und Bargeld in Form von marokkanischen Dirham. Als wir endlich alles beisammen haben, ist es schon spät am Abend und wir wollen am Morgen erneut früh los. Die Besichtigung von Marrakesch muss deshalb bis zum Ende unserer Fahrt warten.
Die zehnstündige Busfahrt über das Atlasgebirge gibt uns am nächsten Tag genügend Zeit, uns in unseren Fahrtengruppen zu finden. Auch wenn wir ungefähr dieselbe Route laufen, ist dennoch jede der drei Sechsergruppen unabhängig von den anderen und für sich selbst zuständig. Die acht minderjährigen Teilnehmenden haben wir gleichmäßig aufgeteilt und außerdem darauf geachtet, dass alle Gruppen etwa gleich leistungsstark sind. So trägt jede Person ein bisschen Verantwortung, sowohl für sich selbst als auch für das Fahrtenteam.
Als wir den Bus mit steifen Beinen verlassen, ist der Tag schon fast vorüber, und wir stehen plötzlich mitten auf einem Campingplatz unter Palmen und tiefblauem Himmel. Das Dorf Meski liegt schon im sogenannten “Tafilalet”, dem ausgedehntesten Oasental der Welt, das auf unseren Karten als grüner Streifen inmitten von kargem Braun klar zu erkennen ist. Wir werden das Tal zunächst in Richtung Süden durchwandern, dann in die bergige Halbwüste abbiegen und schließlich an das “Erg Chebbi”, ein vorgelagertes Sanddünenfeld der Sahara, gelangen. Dieses wollen wir gemeinsam in drei Tagen von Nord nach Süd durchqueren.
Unsere Routenplanung wird jedoch schon bald von den einheimischen Marokkanern unterbrochen, die den Campingplatz betreiben. In ungewohnter, aber hierzulande üblicher Manier kommen sie direkt auf uns zu, bringen Gespräche in Gang und laden uns auf einen Tee in ihre Läden ein. Viele von ihnen sprechen Englisch oder sogar Deutsch – ein sehr deutlicher Hinweis, dass der Tourismus nicht nördlich des Atlasgebirges Halt gemacht hat. Die Männer sind nett und pflegen die Regeln der Gastfreundschaft mit großer Sorgfalt, aber sie kennen auch ihr Geschäft. Uns werden Souvenirs angeboten, kleine und große Schätze präsentiert, traditionelle Kleidungsstücke vorgeführt. Dass die Leute hier zum großen Teil vom Tourismus leben, ist kein Geheimnis. Einige von uns kaufen etwas, aber in den Rucksäcken ist leider nicht genug Platz für große Anschaffungen.
Das spürt man besonders, als wir am nächsten Tag tatsächlich unsere ersten Schritte in Richtung der weit entfernten Dünen wagen. Wir haben nur das Nötigste an Material dabei, damit nicht an Essen und Trinken gespart werden muss. Ausreichend Flüssigkeit ist unter der marokkanischen Sonne ein Muss, aber die sechs Liter Wasser, die jede Person im Rucksack trägt, spüren wir schnell auf den Schultern. Immerhin konnten wir auf schwere Kothenplanen verzichten: zwei große Tarps pro Gruppe werden uns im unwahrscheinlichen Fall von Regen ausreichend trocken halten.
Schon nach einer halben Stunde gelangen wir an die erste Sehenswürdigkeit. Es handelt sich um ein “Ksar”, eine verlassene Festungsruine, wie sie an mehreren Orten im Oasental zu finden sind. Die alten, bröckelnden Steinmauern wirken wie ein Labyrinth, das uns den heißen Strahlen der Sonne aussetzt. In Deutschland wäre ein solches Relikt der Vergangenheit wahrscheinlich umzäunt, witterungsbeständig restauriert und mit allerlei historischen Informationen beschildert. Hier stehen die Ruinen unbeachtet in der Gegend herum, sodass wir sie ausgiebig durchforsten können, bevor unsere Wanderung weitergeht.
Das Oasental zieht sich wie ein grünes Band durch eine trockene Einöde, über der die Luft flimmert. Unter den Palmen findet sich Wasser, im Schatten ihrer Blätter ist Leben möglich. Wir folgen zunächst dem Verlauf eines betonierten Wassergrabens, der parallel zur steilen Felskante verläuft, und schlagen uns dann durch bepflanzte Felder, die mithilfe kleiner Rinnen bewässert werden. Hier und da sehen wir Menschen, die sich um die Felder kümmern, mit ihren Eseln durch die Palmenhaine ziehen oder an einem schattigen Fleck eine Pause machen. Sie wirken friedlich, als könnte sie nichts aus der Ruhe bringen.
Einen anderen Eindruck machen die Leute in den Dörfern, die entlang der Straße liegen. In Marrakesch und auf dem Campingplatz waren wir nur eine weitere Gruppe von Touristen. Hier, inmitten von Einheimischen, ziehen wir unweigerlich Aufmerksamkeit auf uns. Wenn wir eine Pause am Straßenrand machen, hupen die vorbeifahrenden Autos, allerdings nicht, weil wir im Weg sind, sondern um uns zu grüßen. Wenn wir mitten durch eines der Dörfer ziehen, folgen uns zahlreiche Augen. Ein Mann, den wir nach der Richtung fragen, schickt uns erst zur größeren Straße außerhalb des Tals – es kommt ihm gar nicht in den Sinn, dass wir tatsächlich durch die Oase wandern wollen.
Solche Reaktionen führen uns wieder und wieder vor Augen, wie privilegiert wir als deutsche Pfadfinder sind. Wir können es uns leisten, nur zu unserem Vergnügen einen anderen Kontinent zu besichtigen und zwei Wochen die Landschaft zu durchqueren. Im krassen Gegensatz dazu leben die Leute hier oft in Armut. Die Häuser, gebaut aus Lehm oder Beton, zeigen Spuren von den Erdbeben, die Marokko in den letzten Jahren heimgesucht haben. In den Gassen und auf den Brachflächen streunen Hunde und Katzen herum, die sich von Resten und Abfall ernähren. Es gibt keine zentrale Müllabfuhr; der Müll wird entweder auf Müllhalden gesammelt, liegen gelassen, oder schlichtweg verbrannt.
Besonders eindrücklich ist eine Begegnung mit einer Gruppe von Kindern, die gerade aus dem Schulbus aussteigen. Sie folgen uns neugierig, bis ein Junge sich ein Herz nimmt und uns anspricht. “Bonjour, monsieur. Vous avez un stylo?” Er möchte gerne einen Kugelschreiber haben, um in der Schule mitschreiben zu können. Als wir ihm einen Stift überlassen, werden die Augen der anderen Kinder groß und sie beginnen ebenfalls zu fragen. Hätten wir gewusst, dass wir mit einer – für uns – so kleinen Geste helfen können, hätten wir unsere Rucksäcke mit Werbekugelschreibern gefüllt und sie hier verteilt. So aber müssen wir die Kinder enttäuscht zurücklassen.
Mit der Zeit fällt uns eine weitere ungewohnte Tatsache auf: die Leute auf den Straßen sind zum großen Teil Männer. Die wenigen Frauen, die wir zu Gesicht bekommen, halten sich in Hauseingängen auf oder kümmern sich um die Kinder. Trotz der zunehmenden Wärme der Sonne tragen sie oftmals traditionelle lange Kleider oder sind ganz verhüllt. Wir sind nur zu Gast in einem Land fremder Kulturen und Bräuche, aber in einer so sehr von Männern dominierten Gesellschaft fühlen sich nicht alle Mädchen und Frauen unserer Gruppe wohl.
Für den ersten Abend finden wir einen uneinsichtigen Platz zwischen den Palmen und bauen unser Lager auf. Die Sonne ist schon hinter der steilen Felswand des Tals verschwunden, als plötzlich der Ruf des Muezzins aus der nächstgelegenen Siedlung herüberschallt und uns daran erinnert, dass der Islam in Marokko Staatsreligion ist. Auch am nächsten Morgen werden wir vom Gebetsruf geweckt. Der Tag beginnt vielversprechend, aber schon bald zeigen sich bei einem Mitglied unserer Gruppe erste Krankheitssymptome. Am Nachmittag beschließen wir deshalb, ein Standlager aufzubauen und erst weiterzuziehen, wenn die grippeähnliche Erkältung auskuriert ist. Das wirft uns zwar im Zeitplan zurück, ist aber die vernünftige Entscheidung.
Nun wird deutlich, dass es eine gute Idee war, drei unabhängige Gruppen zu bilden: eine Gruppe kommt gut voran und wird den ursprünglichen Plan einhalten. Die anderen Fahrtengruppen werden von Krankheit und Erschöpfung ausgebremst. Das ist zwar schade, aber auch eine lehrreiche Lektion. Auf einer Fahrt müssen alle Teilnehmenden Rücksicht auf die anderen nehmen, damit sie gemeinsam am Ziel ankommen.
Die Geschichten, die wir in den nächsten Tagen erleben, sind zu zahlreich, um sie alle wiederzugeben. Was dem einen besonders auffällt, bleibt dem anderen kaum in Erinnerung.
Eine abendliche Singerunde zwischen dunklen Palmen, begleitet von der mitgebrachten Gitalele. Ein streunender Hund, der sich einer Gruppe anschließt und mit ihnen reist, bis sie das Oasental hinter sich lassen. Die unglaubliche Weite der trockenen Ebene, die sich von der Kante der steilen Felswände bis zum Horizont erstreckt. Kartenspielen im Schatten der Tarps. Eine überraschend verregnete Nacht. Die Taxifahrt in die Stadt Erfoud, um die Kranken in einem Hostel unterzubringen. Die langsam zurückweichenden Felswände, als die anderen Gruppen aus dem Tal heraus und in die Einöde hinein wandern, um schließlich in Erfoud mit der gesamten Fahrtengemeinschaft zusammen zu treffen.
Hier haben wir etwa die Hälfte der Strecke hinter uns gebracht. Es ist schön, alle Gesichter wiederzusehen, Geschichten auszutauschen und von den Erlebnissen der anderen zu hören. Es wird aber auch aufregend: im weiteren Verlauf der Fahrt werden wir die Dörfer und Städte zurücklassen und die Halbwüste durchqueren, bis wir an das “Erg Chebbi”, das große Dünenfeld, gelangen.
Noch bevor wir den Aufbruch wagen können, stehen jedoch einige Männer vor der Tür des Hauses, das uns als Unterkunft dient, und verlangen Eintritt. Sie behaupten, Polizisten zu sein und unsere Identität überprüfen zu wollen, haben aber weder Uniformen an noch Dienstausweise dabei. Wir sind skeptisch und verwehren ihnen den Zutritt, bis der Chef der örtlichen Polizeistation bestätigt, dass sie tatsächlich Beamte sind. Zum einen wollten sie sichergehen, dass sich nicht unsere ganze Horde von Pfadfindern im für sechs Personen ausgelegten Hostel einlagert. Zum anderen ist die generelle Militär- und Polizeipräsenz erhöht, da wir mit jedem Kilometer näher in Richtung der algerischen Grenze gelangen. Offenbar herrscht zwischen den Ländern genügend Spannung, dass die Polizei unwissende Touristen davon abhalten will, versehentlich mit einem illegalen Grenzübertritt zu provozieren.
Es ist bei weitem nicht das letzte Mal, dass wir mit der Polizei zu tun haben. Im Verlauf der nächsten Tage werden wir regelmäßig von Leuten aufgespürt, die unsere Reisepässe überprüfen und fotografieren wollen und darauf bestehen, Kontaktdaten auszutauschen. Wir müssen ihnen versprechen, uns abends mit einem Standort zu melden und Bescheid zu geben, dass es uns gut geht. Anfangs wollen wir uns nicht darauf einlassen, merken jedoch mit der Zeit, dass wir die Polizisten nur dadurch besänftigen können. Sie scheinen es nicht böse zu meinen, sondern ehrlich besorgt um unsere Sicherheit zu sein. Dennoch stört es das Fahrtengefühl erheblich, kurz vor Mitternacht aus den Schlafsäcken gescheucht zu werden, weil eine neue Streife von Beamten die Reisepässe sehen will.
Im Gegenzug gibt es aber auch herzerwärmende Begegnungen mit den Marokkanern.
Eine der Fahrtengruppen erzählt im Hostel von Khalid, einem Einheimischen, der zwei Tage vorher auf ihr abendliches Lager gestoßen ist und sie am nächsten Morgen zum Frühstück einlud. Er lebt mit Teilen seiner Familie in den typischen niedrigen Häusern am Rande der Oase und bewirtschaftet die Felder ringsum. Beeindruckt von der Offenheit des Mannes schildern sie, wie er mit ihnen Datteln aß, im Ofen die landesüblichen Fladenbrote backte und im Unterstand daneben eine Ziege hielt – und das alles auf seinem kleinen Hausdach. Trotz der bescheidenen Verhältnisse scheint diese unerwartete Gastfreundschaft außerhalb der touristischen Gegenden nicht unüblich zu sein. Sobald die Leute verstehen, dass wir Reisende sind und nur das Nötigste bei uns haben, bieten sie uns Essen an und wollen sichergehen, dass wir uns im fremden Land nicht verlieren.
Ähnliche Erfahrungen macht auch eine andere Fahrtengruppe, die am nächsten Tag aus Erfoud aufbricht und erst der Straße, dann einem ausgetrockneten Flusslauf – einem sogenannten Wadi – in die bergige Steppe folgt. Der Boden ist übersät mit losen Steinen, zwischen denen sich echte Fossilien verstecken. Das haben auch die Einheimischen nicht übersehen. Als die Pfadfinder eine Pause machen, werden sie von einem Jungen auf seinem Motorrad erspäht, der neugierig näherkommt. Da die Reisenden offensichtlich keine Marokkaner zu sein scheinen, nimmt er seinen Koffer vom Motorrad und breitet die Fossiliensammlung vor den Touristen aus, in der Hoffnung, ihnen etwas zu verkaufen. Nachdem sich aber herausstellt, dass sie auf Fahrt sind und bereits ihre eigenen versteinerten Muscheln und Schnecken gefunden haben, macht der Junge einen kurzen Abstecher zu seinem Zuhause, um der Pfadfindergruppe stattdessen etwas zubereiteten Couscous und Gemüse mit auf den Weg zu geben.
Einen weiteren Moment der Gastfreundschaft erleben wir am nächsten Tag, als wir die karge, beinahe menschenleere Ebene vor dem Dünenfeld durchqueren und auf einmal vor einem Zaun zum Stehen kommen. Ein Mann weist uns den Weg um das Grundstück herum und gibt vorsichtshalber ein Pack zusätzlicher Wasserflaschen mit auf den Weg. Als wir in der Dämmerung unser Lager aufschlagen, taucht er plötzlich wieder auf seinem Motorrad auf. Er hat Holz und Benzin mitgebracht und entfacht gemeinsam mit uns ein kleines Lagerfeuer. Dann stellt er sich als Ibrahim vor, holt seine verzierte Teekanne aus der Tasche, füllt sie mit marokkanischem Grüntee und stellt sie in die Glut. Das Abendessen ist gerade fertig geworden, also essen und trinken wir gemeinsam und wärmen uns an den Flammen. Die Kommunikation erfolgt mit Händen und Füßen – auf Pfadfinderseite ist man nur dem Englischen und einigen Brocken des Französischen mächtig, Ibrahim spricht hauptsächlich Arabisch. Dennoch ist es eine gemütliche Begegnung, und nach einigen Pfadfinderliedern am Lagerfeuer trennen sich die Wege wieder.
Währenddessen folgt die zweite Fahrtengruppe der Straße, die aus Erfoud heraus in Richtung der Wüste führt. Sie stoßen auf die ersten kleinen Dünenfelder und bekommen schon einmal einen Vorgeschmack auf das Wandern im Sand. Die Oase und damit auch das fließende Wasser liegen hinter ihnen. Stattdessen ist die flache Landschaft geprägt von Felsen, bodennahen Sträuchern und dem Wind, der mal als zärtliches Lüftchen um die spärlichen Akazien streicht und mal als frische Bö in die Klamotten fährt. Er treibt aber leider nicht nur feine Sandkörner durch die Halbwüste. Gerade in der Nähe der Straße gibt es Stellen, an denen der Boden nur aus Müll zu bestehen scheint. Einiges davon wird von vorbeifahrenden Autos achtlos beiseite geworfen. Der Großteil wird jedoch bewusst aus den Städten abtransportiert, auf Müllhalden geschafft und dort nicht weiter beachtet, um dann vom Wind und von streunenden Hunden verteilt zu werden. Es ist kein schöner Anblick, aber die Realität: vermüllte Landschaften sind in vielen Ländern der Welt keine Seltenheit. Mit dieser Wahrheit auf Fahrt konfrontiert zu werden ruft uns allen ins Gedächtnis, wie wichtig es ist, sich für die Erhaltung der Natur einzusetzen.
Dafür gibt es an anderer Stelle atemberaubende Szenarien. Der nächtliche Himmel, der sich über den Wandernden aufspannt, ist außerhalb der Städte und in Abwesenheit jeglicher Wolken von Sternen übersät. Zwischen verfallenen Ruinen und einsamen Brunnen dösen Dromedare in der heißen Mittagssonne. Und schließlich tauchen am fernen Horizont die Dünen auf, helle Erhebungen, die mit jedem Schritt mehr von ihrer gewaltigen Größe erahnen lassen.
Die dritte Fahrtengruppe verbringt unterdessen zwei Tage in Erfoud, um sich um die Kranken zu kümmern. Sie nutzen die Zeit, um die müden Füße auszuschütteln und dann die Stadt zu erkunden. Erfoud ist der letzte grüne Fleck vor der trockenen Ebene; hier gibt es noch Palmen und ein Flussbett. Auf dem Markt werden frische Datteln angeboten, an denen sich die Pfadfinder gütlich tun. Etwas außerhalb erhebt sich ein Berg, der als Fundament für einige Satellitenmasten dient. Nach einer kleinen Wanderung eröffnet sich von dort oben ein beeindruckendes Panorama. Im Vordergrund tummeln sich die hellen Fassaden der Innenstadt, die weiter hinten mehr und mehr vom Grün der Palmwipfel abgelöst werden. Am Horizont sind gerade noch die Felskanten zu sehen, die das Oasental begrenzen. Und in der anderen Richtung … da erstrecken sich Felsen, Sand und Hügel weiter als das Auge reicht.
Schließlich steht auch hier der Aufbruch bevor. Mit frisch gefüllten Wasserflaschen und neuem Proviant steigen die Mitglieder der Fahrtengruppe in das Taxi, das sie bis an den Rand der Wüste bringt. Leider sind zwei Leute zu krank, um den Marsch durch die Dünen guten Gewissens antreten zu können. Sie werden direkt weiter nach Merzouga gefahren, zur Stadt am Ende des Wüstenfeldes, die unser Ziel ist. Alle anderen treffen jedoch nördlich der Dünen mit der ersten Fahrtengruppe zusammen.
Aus der Ferne war die Wüste nur ein flacher Streifen am Horizont. Beim Näherkommen wurden drei große Dünenkämme sichtbar, die wie goldene Bergrücken aus der Landschaft ragen. Jetzt stehen wir direkt davor und müssen den Kopf in den Nacken legen, um zu den Wanderdünen hinauf zu schauen. Acht Kilometer in der Breite, sechzehn Kilometer in der Länge … das Erg Chebbi ist nur der erste Vorbote der Sahara, aber wir werden trotzdem zwei Nächte brauchen, um es zu durchqueren. Neben uns preisen zwei Luxusresorts ihre vielen Vorzüge an und bestechen mit ihren grünen Gärten, klaren Pools und der authentischen Wüsten-Experience. Wir lassen sie links liegen und wagen die ersten Schritte in die Wüste hinein.
Nach wenigen Metern wird deutlich, dass das Wandern bisher ein Kinderspiel gegen den Leistungssport war, der uns jetzt bevorsteht. Der feine Sand verlangt einen sicheren Tritt. Für jeden Schritt, den man in Richtung eines Dünenkamms setzt, rutscht man einen halben wieder nach unten. Hier gibt es keinen Schatten mehr; die Sonne treibt uns den Schweiß auf die Stirn.
Aber es lohnt sich. Wir verschnaufen auf einem der Sandkämme und lassen die Wüste auf uns wirken. Unzählige Dünen strecken sich wie erstarrte Wellen bis zu den Ausläufern der großen Wanderdünen, die in den Himmel ragen und unsere Sicht begrenzen. Je nach Stand der Sonne glänzen sie weiß oder golden. Als wir uns umdrehen, glauben wir unseren Augen nicht: Wasser! Es ist kein Hitzeflimmern, keine Fata Morgana, sondern echtes Wasser, das sich am Rand des Erg Chebbis zu einem See aufgestaut hat. Den starken Regenfällen vor einigen Wochen haben wir es zu verdanken, Zeugen dieses seltenen Schauspiels werden zu dürfen.
Jeder Schritt trägt uns weiter in die Wüste hinein, bis wir schließlich ganz von Sand umgeben sind. Der einfachste Pfad führt nicht die steilen Hänge der Dünen hinab- und wieder hinauf, sondern folgt ihren Kämmen, aber er ist nicht immer der kürzeste. Die Dünen schlängeln sich in krummen Linien und weiten Bögen unter dem strahlend blauen Himmel dahin. Nach einiger Zeit treffen wir auf ein Berbercamp, in dessen Schatten wir eine Pause einlegen. Die weißen Zelte vermitteln einen Eindruck von der traditionellen Lebensweise des Nomadenvolks. Der Stromgenerator, der mit lautem Brummen für die Kühlung der Zelte sorgt, zeugt hingegen davon, dass man auch hier mit der Zeit geht. Das Erg Chebbi ist groß genug, um attraktiv für Tourismus zu sein, und klein genug, dass man kaum Gefahr läuft, darin wirklich verloren zu gehen. Das gibt den Berbern die Möglichkeit, ohne großen Aufwand geführte Dromedartouren mit Übernachtung in der Wüste anzubieten.
Wir ziehen es vor, zu Fuß weiter zu wandern. Die Sonne senkt sich schon zum Abend, als wir unsere Rucksäcke absetzen und das Nachtlager vorbereiten. Bevor es dunkel wird, nehmen wir eine der großen Wanderdünen in Angriff. Nach einer Dreiviertelstunde schweißtreibenden Aufstiegs stehen wir auf dem Kamm und lassen unseren Blick in alle Richtungen schweifen. Hundert Meter unter uns liegt das Dünenmeer mit seinem Wechselspiel aus Licht und Schatten. Auf der einen Seite sehen wir nur weitere Wanderdünen, aber in der anderen Richtung können wir über das Erg Chebbi hinaus auf die weite, leere Ebene blicken. Am Horizont ziehen sich dunkle Erhebungen entlang, die Berge und Felskanten, die wir hinter uns gelassen haben. Die Abendsonne taucht das Panorama in goldenes Licht. Es ist ein Anblick zum Innehalten und Staunen.
Der Abstieg geht deutlich schneller und macht auch mehr Spaß. In Kaskaden von Sand rutschen wir die Dünenflanke hinunter. Am Lager gibt es ein schnelles Abendessen, dann kriechen wir in die Schlafsäcke.
Der Morgen weckt uns mit überraschender Kälte. Nach all den Stunden in der Sonne und heißem Sand unter den Füßen vergisst man leicht, dass die Temperatur in der nächtlichen Wüste deutlich sinken kann. Der Frost auf den Schlafsäcken taut erst auf, nachdem die Sonne die Wanderdünen überwunden hat und einen weiteren strahlenden Tag einleitet. Mittlerweile haben wir uns an das langsamere Wandern gewöhnt. Spätestens alle halbe Stunde gibt es Trinkpausen, zum Mittag finden wir Schatten hinter ein paar Büschen. Tatsächlich wachsen erstaunlich viele Sträucher im trockenen Sand, man findet überall grüne Flecken, die etwas Farbe in die bleiche Wüste bringen. Wenn niemand redet, ist außer dem Knirschen des Sandes und dem Säuseln des Windes kaum etwas zu hören. Nur hin und wieder dringt von weitem das Geräusch von Automotoren an unsere Ohren, denn mehrere Anbieter in Merzouga werben mit Quad-Touren.
Noch eine Nacht verbringen wir inmitten des Sandes. Als die Sonne schon längst untergegangen ist, entfalten sich in unserer Fahrtengruppe ungeahnte Energien: in der Dunkelheit des sternenüberzogenen Himmels beginnen drei Leute, aus einer Laune heraus ein Loch zu graben. Ein hoffnungsloses Unterfangen, würde man meinen, doch dem absackenden Wüstensand zum Trotz wird es immer tiefer und tiefer. Dann hüpfen zwei Freiwillige hinein – bis zu den Schultern stehen sie darin – und lassen sich wieder zuschaufeln. Zwei Köpfe ragen gerade noch aus der Wüste heraus. Sie benötigen eine Dreiviertelstunde, um sich eigenhändig wieder zu befreien, sodass alle nach dieser ebenso absurden wie amüsanten Aktion schnell in die Schlafsäcke fallen.
Am nächsten Tag wandern wir aus der Wüste hinaus. Der Weg ist nicht mehr weit und schon nach wenigen Stunden treffen wir mit der letzten Fahrtengruppe und den Kranken zusammen, die vor Merzouga auf uns gewartet haben. Wieder begrüßen sich alle herzlich, wieder werden Geschichten ausgetauscht. Der Rest des Tages vergeht in Vorbereitung auf die Rückreise. Am Abend breiten wir dann unser Lager in den nahen Dünen aus – endlich mit wirklich allen Reisenden zusammen. Eine Überraschung kommt aber noch: die Mitglieder der ältesten Sippe werden mit Briefen, Schlafsäcken und Stirnlampen ausgestattet und zu ihrer ersten Wache auf den umliegenden Dünen verteilt. Sie haben Zeit innezuhalten, die Fahrt zu reflektieren und diesen Stufenübergang mit all ihren Gedanken und Erinnerungen zu füllen. Dann finden sie sich am Lagerfeuer ein und werden als Runde erneut in den Stamm aufgenommen. Aus der anschließenden Singerunde driften die Lieder über den Sand, hinauf in die Dunkelheit, den Sternen entgegen.
Und damit nehmen wir Abschied von der Wüste. Zehn Stunden Busfahrt führen uns am nächsten Tag vom Erg Chebbi über das Atlasgebirge zurück in die Königsstadt Marrakesch. Es ist ein seltsames Gefühl, die Landschaften vorbeiziehen zu sehen, die wir mühsam zu Fuß durchquert haben. Aber es gibt uns auch Zeit, mit einem Lächeln auf all die Erfahrungen zurückzublicken, die wir gemacht haben.
Ein ganzer Tag bleibt uns noch, bis wir zurück nach Deutschland fliegen. Jetzt können wir endlich nachholen, was uns zu Beginn der Fahrt verwehrt wurde. In kleinen Gruppen tauchen wir in die Gassen und Märkte von Marrakesch ein, lassen uns treiben und bestaunen die unendliche Zahl von Ständen, Verkäufern und Menschen. Auf dem zentralen Platz werden Säfte, Obst und Schmuck angeboten, es gibt Musikanten und Künstler. In den überdachten Passagen, die in alle Richtungen abgehen, reihen sich Stände und Läden aneinander. Ströme von Touristen drängen sich hindurch, begutachten die Waren und feilschen mit den Händlern. Man verliert sich leicht im Labyrinth der Gassen, Abzweigungen und unscheinbaren Durchgänge, aber glücklicherweise führt jeder Weg irgendwann wieder zurück zum Großen Platz.
Je tiefer wir in den fremden Kosmos aus Gerüchen, Farben und Geräuschen eindringen, desto mehr spezialisierte Märkte entdecken wir. Eine lange Gasse von Andenkenläden öffnet sich auf einen Platz, der gefüllt von Gewürzhändlern ist. Rote, gelbe und orangene Pulver türmen sich zu kunstvoll arrangierten Kegeln auf. Ganze Wände sind mit Reihen von Vorratsgläsern gefüllt, die Curry, Kurkuma, Cumin, Ingwer-Zitronen-Gewürz, Safranfäden, Barbecue-Pulver, Gewürzmischungen aus 40 Zutaten, Seifen, Blüten und Blätter, Wurzeln und hundert andere Naturprodukte beinhalten.
Ein unscheinbarer Durchgang an anderer Stelle führt auf den Hühnermarkt, auf dem Hühner, Hähne, Truthähne und anderes Federvieh feilgeboten werden. Aus den übereinander gestapelten Käfigen dringt das Gackern der Vögel, die bei Bedarf auch ohne Umschweife vor Ort geköpft und zerlegt werden. Nach mitteleuropäischen Standards wäre die Hygiene sicherlich unzureichend, aber der Markt erfreut sich großer Beliebtheit bei allen, die frisches Huhn auf ihrem Speiseplan stehen haben.
In einer der überdachten Passagen – zwischen Ständen, die Datteln, Keramikgeschirr, Nussriegel, Stoffe und steinerne Schachbretter anbieten – finden wir einen kleinen Durchgang. Eine schmale Treppe führt in einen uneinsichtigen Bereich, der dem Verkauf von metallenem Schmuckwerk gewidmet ist. Von einem Schritt auf den anderen sind wir umgeben mit goldenen, ornamental gewirkten Lampen, die das schummrige Licht reflektieren. Sie stehen auf dem Boden, hängen von der Decke, füllen in tausendfacher Ausführung die Regale. Viele davon wurden in mühsamer Handarbeit gefertigt und sind somit echte Unikate. Auch verzierte Teekannen mit passenden Gläsern und Tabletts sind hier zur Schau gestellt. Die detaillierten, aber prunkvoll wirkenden Formen und Muster schaffen eine Atmosphäre, die den Zauber der fremden Kultur beinahe spürbar macht.
Schließlich geht der letzte Tag der Fahrt zu Ende. Wir essen noch ein letztes Mal in einem der lokalen Restaurants, dann packen wir unsere Sachen, um morgens um zwei Uhr die Rückreise anzutreten. In den Rucksäcken finden sich allerlei Andenken, die die Erinnerung an diese einmalige Fahrt bewahren sollen: Kopftücher und Schmuck aus dem Campingplatz im Oasental, Fossilien aus der steinigen Halbwüste, kleine Fläschchen mit goldenem Dünensand, und schließlich verschiedenste Mitbringsel aus den Gassen Marrakeschs.
Die wertvollsten Andenken sind allerdings immer noch die Erfahrungen, die wir gemacht haben. Es mag ein Klischee sein, aber es beinhaltet eine nicht unbeträchtliche Wahrheit: wir sind als Gruppe zusammengewachsen, haben gelernt, aufeinander zu achten und miteinander zu reisen. Wir haben einen Blick in die Fremde geworfen und gesehen, dass die Welt mehr umfasst als nur unsere Kultur. Wir haben gute und schlechte Seiten des Landes kennengelernt und versucht zu verstehen. Und so können wir guten Gewissens sagen:
Es hat sich gelohnt!





















